Stephan Voswinkel
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Anerkennung

Anerkennung ist das Medium sozialer Integration, das gesellschaftliche Normen und Werte in die Identitäten der Gesellschaftsmitglieder übersetzt. Anerkennungsverhältnisse bezeichnen die expressiv-dramaturgische Ordnung der Gesellschaft, sie sind intersubjektive und institutionalisierte Formen der Wertschätzung und Missachtung von Individuen, Kollektiven sowie von Werten und Lebensweisen. Um Anerkennung wird gestritten, die Subjekte orientieren sich nicht nur an Anerkennungsanforderungen und –kriterien, sondern sie fordern sie auch für ihre besondere Individualität und für die kulturellen Leitbilder ihrer Gruppe ein. Damit vermittelt der Kampf um Anerkennung gesellschaftliche Entwicklung und vermittelt zugleich zwischen dem Eigensinn von Subjekten und dem Geltungsanspruch gesellschaftlicher Wertmuster, aber auch sozialer Ungleichheit. Ringen die Akteure hingegen nicht um Anerkennung, so führt die Bindung der Identität an die Anerkennung der Anderen zu “außengeleiteten” Charakteren, der umweltignorante Eigensinn zur Bildung abgekapselter Identitäten.

In modernen Arbeitsgesellschaften bildet die Arbeit einen wesentlichen Bezug sozialer Anerkennung. Leistung und Erfolg in der Arbeit legitimieren soziale Ungleichheit – bzw. soziale Ungleichheit wird dadurch legitimiert, dass sie als Folge von Leistung bzw. Erfolg in der Arbeit fingiert wird.

In individualisierten und differenzierten Kommunikationsgesellschaften wird Anerkennung immer weniger selbstverständlich, werden die Anerkennungskriterien uneindeutiger als etwa in Gesellschaften, in denen die Anerkennungsform der Ehre dominiert. Dadurch erweitern sich einerseits die Individualitätsspielräume der Subjekte, andererseits wird die Darstellung von Individualität nun in paradoxer Weise zum Erfordernis gelingender Anerkennung. Diese muss strategisch angestrebt, in Anerkennung muss in der Form von Reputation investiert werden. Weil Reputation aber das kontingente Resultat der Strategien und Zuweisungen durch eine Vielzahl von Akteuren ist, lässt sie sich paradoxerweise weniger erwarten und kalkulieren. Öffentliche Anerkennung wird immer mehr über Medien vermittelt und setzt den Erwerb von Beachtung voraus.

Mit der Erosion langfristiger sozialer Bindungen und gemeinschaftsförmiger Zugehörigkeiten verliert Anerkennung in Form der “Würdigung” an Bedeutung und gesellschaftlicher Legitimation. Dies ist eine Form der Anerkennung, die als Dankbarkeit für erhaltene Gaben, für Beiträge und Opfer beschrieben werden kann. Eher wird Anerkennung als “Bewunderung” angestrebt, die der herausragenden Leistung, dem Erfolg, insbesondere dem ökonomischen gilt. Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung können Bewunderung erwarten, kaum aber Würdigung, weil sie sich nicht auf den Beitrag für Andere oder die Gesellschaft richten und damit sozialen Beziehungen der Dankbarkeit kein Raum bleibt. Mit den größeren Freiheitsspielräumen im Sinne von Selbstverwirklichung einher geht somit ein Anerkennungsdefizit der Normalleister, der Routinearbeiter, aber auch der sich unspektakulär Aufopfernden und der einsatzbereiten Verlierer.