Stephan Voswinkel
Aktuelles
Arbeitsschwerpunkte
Neuere Projekte
Texte
Stationen
Links
Dramatologische Soziologie

Dramatologische Soziologie bezeichnet eine Analyserichtung, die menschliches Handeln nicht nur als instrumentelles betrachtet, das auf die strategische, zweckrationale Verfolgung von (Interessen-)Zielen gerichtet ist. Vielmehr drücken Subjekte in ihrem Handeln stets auch in expressiver Weise ihre Identität aus. Wenn sie dies vor Anderen und für Andere tun, handeln sie dramaturgisch. Sie handeln nicht nur zu einem bestimmten Zweck, sondern sie stellen sich stets zugleich als jemand dar, der in dieser bestimmten Weise zu diesem bestimmten Zweck handelt. Dabei müssen sie sich an den Erwartungen und Anerkennungskriterien der Anderen orientieren, die Regeln und Rituale angemessenen Umgangs beachten, aber u.U. auch demonstrieren, dass sie souverän mit ihnen umgehen und sich über sie hinwegsetzen können. Wer Besonderheit darstellt, muss zugleich deutlich machen, dass er dies nicht wegen fehlender Normalitätsfähigkeit tut.

Indem sich Akteure als dramaturgisch Handelnde aufeinander beziehen, bilden sie dramatologische Figuren aus, die einander voraussetzen: Der Innovator den Bedenkenträger, diese Kombination wiederum den Moderator, den Zuschauer oder Richter usw.. Solche dramatologischen Figurationen zwingen den Akteuren zugleich eine bestimmte Handlungsweise auf, und sei es, weil von Ihnen eine solche erwartet bzw. ihr Handeln von Anderen im Lichte der ihnen zugewiesenen Figur interpretiert wird. Die Figuration selbst kann sich gegenüber den Einzelakteuren verselbständigen und einen bestimmten “Charakter” gewinnen: etwa das kämpferische oder das lustlose Fußballspiel, die erneuerungsunfähige Organisation oder die ritualisierten Verhandlungen zwischen Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften.

Dramatologische Soziologie versteht sich nicht als Alternative zu anderen soziologischen Ansätzen. Es handelt sich vielmehr um eine Betrachtungsweise, die ihr Augenmerk besonders auf die dramaturgische Dimension sozialen Handelns legt. Sie geht dabei allerdings von der Annahme aus, dass dramaturgischem Handeln und dramatologischen Wechselbeziehungen, Regeln und Ritualen eine eigenständige Bedeutung für soziale Beziehungen und gesellschaftliche Entwicklung zukommt, die zur Erklärung sozialer Phänomene und Prozesse unverzichtbar ist. Dies gilt um so mehr, wenn die Medien- und Kommunikationsgesellschaft die Präsentation und (Selbst)Darstellung den Akteuren als immer bedeutsamer auch für strategisches Handeln erscheinen lässt.

Wesentliche Beiträge zur dramatologischen Soziologe haben geleistet: Erving Goffman, Norbert Elias, Rom Harré, A.Paul Hare. Natürlich sind dramatologische Aspekte und Argumente Bestandteil vieler soziologischer Analysen und Untersuchungen.